Was bedeutet Ordnung – Was ordnet Bedeutung?

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Was bedeutet Ordnung – Was ordnet Bedeutung?

Überlegungen zu bedeutungskonstituierenden Ordnungsleistungen in Geschriebenem

Appel à contributions
Date limite : 31 décembre 2012

 

Vom 28. bis zum 30. Juli 2013 findet am Seminar für Klassische Philologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg eine Nachwuchstagung mit dem Titel "Was bedeutet Ordnung - Was ordnet Bedeutung?" statt. Das Kolloquium ist im Rahmen des Sobderforschungsbereichs 933 "Materielle Textkulturen" und widmet sich dem bislang unzureichend erforschten Zusammenhang von Ordnung und Literatur. Die zentrale Frage ist dabei die nach den Bedingungen der Möglichkeiten von Sinnkonstitution. Der Aufruf richtet sich an Doktoranden und Postdoktoranden aus den Bereichen der Klassischen und Neueren Philologien, der Philosophie aber auch angrenzender Gebiete mit Beiträgen, welche in Form eines 20.minutigen Vortrags die zugrunde gelegte Fragestellung reflektieren. Bewerbungen sind in Form eines Abstracts (max. 250 Wörter) sowie eines kurzen CV bis zum 31.12.2012 einzureichen

 

 

Der Zusammenhang von Ordnung und Literatur ist integraler Bestandteil der Reflexion über das ,Wesenʻ des Literarischen. Dabei ist jedoch auffällig, dass Ordnung zumeist als rein strukturelles Phänomen begriffen wird und als deskriptives Instrument zur Erfassung der textuellen Kohärenz dient. Solche im weitesten Sinne formalen Definitionen des Ordnungsbegriffs, die auf ihren Ursprung in der antiken Rhetorik (als schematische Ordnung und Abfolge der Redeteile) zurückweisen, operieren zumeist auf der Textoberfläche. Ordnung ist jedoch keine rein strukturell-deskriptive Kategorie der Literaturwissenschaft, sondern ist gerade auch für die Sinnkonstitution des Textes von eminenter Bedeutung. Welche anderen Bestimmungen des Ordnungsbegriffs lassen sich aus einer erweiterten Perspektive ableiten?
Aus phänomenologischer Perspektive können mit Waldenfels drei Formationen von Ordnung unterschieden werden: Ordnung als Ganzes, Ordnung als Arché und Ordnung als Dynamik (Waldenfels 2000). Trotz dieser literaturwissenschaftlich-philosophischen Annäherung – so die dem Kolloquium zugrunde liegende Prämisse – ist das Verhältnis zwischen Literatur und Ordnung noch nicht erschöpfend erfasst.
Aus epistemologischer Perspektive freilich ist die Zentralität der Frage nach der „Ordnung der Literatur“ seit Michel Foucault weithin anerkannt; erst im Frühjahr 2012 fand unter diesem Titel an der FU Berlin ein Workshop statt, welcher sich im Speziellen mit Foucaults Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Objekten, Begriffen, Theorien oder Regeln befasste. Diese Analyse epistemischer Ordnungen jenseits des einzelnen Textes, welche zu den von ihnen gezeitigten (textuellen) Realisierungen in einem Verhältnis der Kontingenz stehen, führte in der Nachfolge Foucaults für einen Teil der Literaturwissenschaften zu einer radikalen Historisierung des eigenen Gegenstands, durch welche die Einheit des einzelnen Textes zu Gunsten seiner Diskursivierung innerhalb der jeweiligen epistemisch-diskursiven Ordnung aufgegeben wurde.
Der konzeptuelle Rahmen des in Heidelberg ansässigen SFB 933 bietet ein fruchtbares methodisches Instrumentarium zur Analyse dieser zentralen Frage: derjenigen nach den Bedingungen der Möglichkeiten von Sinnkonstitution (cf. Hilgert 2010). Basierend auf der Prämisse, dass Geschriebenem kein immanenter Sinngehalt eigne, sondern dass dieses vielmehr durch je historisch spezifische Rezeptionspraktiken je spezifische Sinnzuschreibungen erfahre (Reckwitz 2006), wird hier eine Rekonstruktion dieser sinnkonstitutiven historischen Rezeptionspraktiken unternommen, welche von der effektiven materiellen Präsenz schrifttragender Artefakte ausgeht. Die subjektiven Sinnzuschreibungen werden ihrerseits als Ausdruck kollektiver Wissensordnungen verstanden; dem Arrangement schrifttragender Artefakte, mithin deren raumkonstitutiver Anordnung als Aktanten im sozialen Raum, kommt hierbei ebenfalls zentrale Bedeutung zu. Die Frage nach vorbewussten Ordnungsstrukturen, welche der Bildung von Begriffen, Konzepten, Theorien, mithin der Konstitution von Bedeutung überhaupt vorgängig sind, findet sich hier also mit besonderer Prägnanz formuliert. Innerhalb eines im weitesten Sinne historischen Erkenntnisinteresses wird Bedeutungskonstitution als auf kulturellen Wissensordnungen einerseits und subjektiven Sinnzuschreibungen andererseits basierende Praxis gedacht; die Kategorie der Ordnung ist also wie bei Foucault jenseits des Textes lokalisiert: in Form von „in Diskursen und Arrangements manifestierte[n] Wissensordnungen“ (Hilgert 2010, S. 24).Eine zentrale Frage dieses Kolloquiums besteht darin, ob es für die philologischen
Textwissenschaften zielführend sein könnte, solche jeglicher Bedeutung vorgängigen Ordnungsleistungen auch diesseits des Textes zu rekonstruieren, ohne dabei in überholte apriorische Sinnpostulate zurück zu fallen. Dies bedeutet gerade nicht, dass irgendwie geartete unstrukturierte ,imaginäreʻ Inhalte („Substanzen des Inhalts“, cf. Gumbrecht 2004, S. 31ff.) dem strukturierten Ausdruck menschlichen Bewusstseins (der „Form des Inhalts“, cf. ibid.) vorausgehend gedacht werden; es stellt sich hier vielmehr die Frage nach einer Form ,vorbedeutsamerʻ Ordnung. Es soll mithin die bei Foucault eingeforderte Verabschiedung der Einheit des Textes kritisch reflektiert werden, indem ihr eine Betrachtung der „strukturellen Form der Oszillation [von Präsenzeffekten] mit der Sinndimension“ (ibid., S. 34) in poetisch stilisierten Texten zur Seite gestellt wird.
Ein solches methodologisches Komplement zur post-foucaultʼschen ,radikalen Historisierungʻ literarischer Texte, welche auf die Rekonstruktion bedeutungskonstitutiver Wissensordnungen resp. Rezeptionspraktiken abzielt, könnte in deren ,radikaler Philologisierungʻ bestehen, welche auf die Beschreibung sprachlicher Einteilungs- und Ordnungsleistungen in Texten abzielt, die ihrerseits der Bedeutungskonstitution vorgängig sind. Eine solche Perspektive wurde unlängst von Jürgen Paul Schwindt in seinem Konzept einer „Radikalphilologie“ projektiert (Schwindt 2006).
Womöglich kann nicht zuletzt auch die Analyse des Verhältnisses von Text und Kontext an Prägnanz gewinnen, wenn dieses als Verhältnis der Interaktion resp. Wechselwirkung zwischen textuellen und epistemischen „Deutungs- und Bedeutungsrahmen“ (Hilgert 2010, S. 24) betrachtet wird. So kann die Relevanz beider Ordnungen, diesseits wie jenseits des Textes, für die Bedeutungskonstitution klarer vor Augen treten.

Das Kolloquium im Rahmen des Heidelberger Sonderforschungsbereichs 933 „Materiale Textkulturen“ wird vom 28.-30. Juli 2013 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg stattfinden.
Eingeladen sind Doktoranden und Postdoktoranden aus den Bereichen der Klassischen und Neueren Philologien, der Philosophie aber auch angrenzender Gebiete mit Beiträgen, welche in Form eines 20-minütigen Vortrags die dem Kolloquium zugrunde gelegte Fragestellung reflektieren. Die Beiträger sollten ihren Ordnungsbegriff theoretisch fundieren und nach Möglichkeit in einer textnahen Interpretation explizieren.
Bewerbungen in Form eines Abstracts (max. 250 Wörter) sowie eines kurzen CV sind bis zum 31.12.2012 zu richten an die Veranstalter: Eva Marie Noller und Christian Haß ( Cette adresse email est protégée contre les robots des spammeurs, vous devez activer Javascript pour la voir. ; Cette adresse email est protégée contre les robots des spammeurs, vous devez activer Javascript pour la voir. ). Die Konferenzsprache ist deutsch, die Veröffentlichung eines Teils der Beiträge in Buchform ist geplant. Die Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen.

Literatur
Gumbrecht, H.U., Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, Frankfurt a.M. 2004.
Hilgert, M., „Text-Anthropologie. Die Erforschung von Materialität und Präsenz des Geschriebenen als hermeneutische Strategie“, Mitteilungen der deutschen Orientgesellschaft zu Berlin, 142 (2010), S. 87-126.
Reckwitz, A., Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Weilerswist 2006.
Schwindt, J.P., „Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?“, Merkur, 60 (2006), S. 1136-1150.
Waldenfels, B., „Das Ordentliche und das Außer-ordentliche“, in: B. Greiner / M. Moog-Grünewald (Hg.), Kontingenz und Ordo. Selbstbegründung des Erzählens in der Neuzeit, Heidelberg 2000, S. 1-14.

 

Source : Mommsen Gesellschaft

 

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